Interviews

"Sonic" Magazine Interview with Holger Mück (May 2011)

"Du musst länger spielen können, als du Atem hast."

Notizen aus einem Nachtgespräch mit dem in Würzburg lebenden kanadischen Trompetenvirtuosen Richard Carson Steuart

Richard Carson Steuart lebt seit 10 Jahren in einem Musiklaboratorium, das er "La Tromba Music" nennt. Wo andere ein Wohnzimmer haben, hat er eine Kombination aus Studio, Arbeitszimmer, Übungsraum und Trompeten-Museum. In dem großen Raum stehen ein Flügel, zwei Schreibtische, ein Sofa, ein PC-Arbeitsplatz.
Trompeten-querschnittzeichnen hängen an den Wänden; Notenblätter, Musikbücher und CD-Türme. Am Boden neben dem Flügel am Fenster stehen ca. 20 verschiedene Trompeten auf Ständern, rechts, wo der Raum eine Krümmung hat, sind in einem Wandregal weitere 50 Trompeten aufgereiht, manche davon 150 Jahre alt, aber noch immer vollfunktionstüchtig und stets spielbereit. Und natürlich überall Mundstücke, Mundstücke, Mundstücke. Hier findet Musik statt, hier wird Musik gelebt. "Diese Trompeten und Mundstücke sind nur meine Pinsel, mit denen ich unterschiedliche musikalische Bilder malen kann", erklärt Richard.

Suchen Sie sich in Deutschland eine Orchesterstelle

Nach Deutschland hat es Richard auf Anraten eines Engländers verschlagen. "Im September 1978 saß ich in London. Nach ein paar Wochen Wartezeit hatte ich endlich einen Termin bei den berühmten Philip Jones bekommen, dem Direktor (Principal) des Trinity College of Music London. Jones war weitaus der berühmteste Klassische Trompeter seiner Zeit neben Maurice Andre und spielte die Solotrompete zum Beispiel im London Symphony Orchestra. Er ließ mich die Hindemith-Sonate vorspielen, unterbrach mich aber schon bald und meinte: "Legen Sie Ihre Trompete hin und sagen Sie: Was wollen Sie von mir?" Ich antwortete: ?Ich möchte bei Ihnen studieren." Darauf entgegnete er: "Sie brauchen nicht zu studieren und ich brauche Ihr Geld nicht. Gehen Sie nach Deutschland und suchen Sie sich eine Stelle in einem deutschen Orchester." Zwei Monate später, Anfang November, gewann ich das Probespiel bei der Deutschen Oper am Rhein, Düsseldorf. Das war mein erstes Probespiel in Deutschland und ich war schon Solist in einem A-Plus-Orchester."

Heute unterrichtet Richard historische Trompete an der Musikhochschule Würzburg. Die Fusion der Musikakademie, die ihm eine eigene Stelle einrichtete, mit der Universität hat ihn größtmögliche, freie Kapazitäten für seine künstlerische Arbeit verschafft.

Musiker und Forscher

Was tut er also mit seinen "größtmöglichen, freie Kapazitäten"? Weil die Trompete sein Leben ist, widmet er seine weitere Lebenszeit vor allem der Trompete. Doch Trompetenspielen allein genügt ihm nicht. Er will die Trompete von Grund auf kennen, hat zu ihrer Erforschung schon vor einigen Jahren eine eigene Firma gegründet, La Tromba Music Productions, mit der er die in Kalifornien begonnene Forschung und Entwicklung von Trompeten und vor allem Mundstücken vorantreibt. "Meine Forschung erlaubt mir, den Klangcharakter der Trompete zu studieren", sagt er, "auch der alten Trompeten." Dazu arbeitete er mit Yamaha in 80er Jahren zusammen, und in der 90er mit der Herbert Lätzsch KG in Bremen, und schließlich mit Zigmant Kanstul Musical Instruments in Kalifornien. Heute zutage bläst zum Beispiel der Solohornist der Pariser Oper und erster Preisträger des ARD-Wettbewerbs für Solotrompeter in 2003 , David Guerrier ein La Tromba "Traditional" Cornett, auf einer La Tromba Trompeten und Mundstücke spielt auch der Solotrompeter der Baseler Orchestergesellschaft Marc Ulrich, blasen symphonische Solisten ebenso wie Jazztrompeter zunehmend weltweit.

Konzertiert und aufgenommen hat Richard mit vielen bekannten Musikern, unter anderem mit dem weltberühmten Filmkomponisten Hans Zimmer, der heute in Los Angeles arbeitet und zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Filmkomponisten der Hollywood-Geschichte zählt. Seine Musik zum Disneyfilm "König der Löwen" gilt als einer der meistverkauften Film-Soundtracks aller Zeiten. "Es ging um die Filmmusik zum Geisterhaus von Isabel Allende mit Meryl Streep in der Hauptrolle", erzählt Richard. "Hans bat mich, verschiedene ?kleine? Trompeten nach München zu bringen, wo wir den Soundtrack mit den Münchener Philharmonikern einspielten. Ich brachte sieben verschiedene Trompeten mit. Er wollte einen ganz bestimmten, nostalgischen Klang, den wir dann mit einem Instrument aus den 1920er Jahren hinbekamen, ein wunderbares Horn." Richard war aber auch der Mann hinter der Solotrompete in der Filmmusik von Konstantin Wecker für den Film "Schtonk", die er gemeinsam mit Peter Herbolzheimer und dem Bayerischen Rundfunkorchester aufnahm. Auch auf der "Weißen CD" von Konstantin Wecker mit Charly Mariano ist Richard solistisch zu hören. Die Vielzahl der solistische CDs vom ihm in verschiedenen musikalischen Sparten und den zugehörigen Labels würden den Rahmen sprengen, aber besonders interessant sind die CDs aus New York "Music Minus One". Dort interpretiert er berühmte Werke für Solotrompete von der Romantik bis zur Moderne und sogar zwei CDs mit Büchern - Leckbissen für Opernfans -, auf denen er berühmte Arien für Sopran und Tenor mit Orchesterbegleitung spielt.

Du musst dein Ego vergessen können

Während unseres Gesprächs nimmt Richard immer wieder eines der zahlreichen Instrumente, um mir eine spezielle Klangfarbe oder Tonfeinheit zu demonstrieren. "Trompete zu spielen kann sehr anstrengend sein", sagt er, "erst wenn man über der Technik steht, kann man wahrhaft göttliche Musik machen. Man muss die Technik komplett beherrschen, um die tiefsten Gefühle der Musik auszudrücken. Ab einem gewissen Alter sinkt zum Beispiel das Luftvolumen in der Lunge. Dann ist die richtige Technik entscheidend. Man bläst die Trompete nicht, sondern erzeugt einen kontrollierte Überdruck in der Lunge. Dann arbeitet man entspannt mit der Luft, die weg geht. Was mir viel geholfen hat, ist der Unterricht mit meinen Studenten, wenn du vorführst, wie es richtig funktionieren soll. Falsche Atemtechnik beeinträchtigt die Tonhöhe, die Tonqualität, die Ausdauer, die Fähigkeit die Intonation zu modellieren, die Geschwindigkeit, die Stoßtechnik, einfach alles, was man braucht, um die musikalischen Phrasen zu bilden. Aber noch wichtiger als die Technik: Du musst dein Ego vergessen können. So absurd es klingt: Du musst immer länger spielen können/wohlen, als du Atem hast."
Was er unter Atemtechnik und Intonation versteht, demonstriert er mir auf einer historischen Naturtrompete, in die gerade einmal drei Löcher gebohrt sind. "B", sagt er, "klingt anders als AIS. Das muss man hören." Und spielt. Dann wirkt er, als flösse die Musik durch ihn hindurch, aus ihm heraus. Er gerät in eine andere Dimension, wo dieser große Mann, der so selbstbewusst aufzutreten vermag, zum Diener des Klanges, ganz weich wird. "Du musst selbst zum Instrument werden", sagt er, "Kunst kennt kein Ego. Mich stören Leute, die meinen, nur weil sie ordentlich Dudldidu machen oder laute und hohe Tönespielen können seien sie schon was Besonderes!" An Deutschland schätz der Kanadier, dass die Menchen hier immer noch Achtung, ja Respekt vor teifzinnige Musik haben, viel mehr als zum beispiel in den USA. Das gelte nicht nur für Barock bis Klassik sondern auch für Jazz. Musiker hier ist hier noch ein angesehener Beruf."

Die Trompete ist doch kein Bonbon

"Neulich", erzählt er, "rief mich einer meiner Schüler an, der als Orchestertrompeter ganz gut Karriere gemacht hat und meinte, Musik müsse immer Spaß machen. Dann sei sie richtig. Das sehe ich überhaupt nicht so. Ich spiele Trompete nicht aus Vergnügen, sondern weil es Ausdruck meines musikalischen Verständnisses ist, also aus Leidenschaft. Die Trompete ist doch kein Bonbon. Auf ihr zu spielen kann sogar sehr schmerzlich sein. Als Künstler habe ich eine Verantwortung der Musik und mir selbst gegenüber." Das gilt sogar für den Rap findet er. Wenn der in der Bronx oder Harlem oder Watts entsteht und aus dieser Wurzel kommt, ist das okay, zumindest, machmal mal. "Aber Rap in Deutschland, das ist nur aufgesäzt und hat nichts zu tun mit dieser Kultur." Seine Verantwortung nehme man dann wahr, sagt er, wenn "ich das reinste und kostbarste Mittel finde, diese Klänge auszudrücken, wenn ich mich im archetypischen Unbewussten auflöse, in der großen Seele, die uns allen gemeinsam ist. Denn Trompetenspiel kann solche "archetypischen" Urempfindungen hervorrufen."

Seine große Liebe gilt dem deutschen Komponisten Paul Hindemith. "Ich liebe auch Richard Strauss und Gustav Mahler, die sinnliche Stärke von Wagner und die titanische Architektonik von Bruckner, aber Hindemith ist für mich noch tiefsinniger und sehr intellektuell zugleich. Er war der Beethoven des 20. Jahrhunderts. Wenn ich ihn spiele sein Sonata (1939) zum beispiel, spüren die Leute dieses Echo seiner Tiefe. Weil ich Hindemith interpretieren kann wie kein anderer" sagt als einfache tatsache und nicht in selbstlob, "habe ich auch den ARD-Wettbewerb in München gewonnen in 1980. Seine 1939 im Exil komponierte Sonate für Trompete und Klavier war ausgesprochen prophetisch, hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, flink wie Windhunde. Am Anfang ist diese Musik ein brutales Gedicht, dann wird sie harmlos, ahnungslos, die Deutschen, die später sagen werden: ?Wir haben nichts gewusst?, sind unter sich; der letzte Satz heißt ahnungsvoll ?Trauermusik? und schließt mit dem urdeutschen Choral: ?Alle Menschen müssen sterben.? Und das 1939! Hindemith vertraut auf die archetypische Kraft der Trompete. Aber du kannst mir glauben: Diese Musik zu spielen, macht keinen SPASS. Übrigens bekam ich sogar heute eine E-Mail von einem ehemahligen Schüler, der mich bat, nicht zu vergessen, bei seiner Beerdigung Hindemith zu spielen."

Als Trompeter darf man nicht feig sein

Richard ist nicht nur Wertkonservativer, Virtuose und Klangforscher, er ist auch Abenteurer. "Wenn ich etwas mache, dann mache ich es ganz oder überhaupt nicht", betont er immer wieder. Was er damit meint, beleuchtet zwei Geschichten. Die eine spielt bei einer Beerdigungs Soloauftritt, die zweite dreht sich um seine Anstellung bei den Bamberger Symphonikern. "Ich wurde gebeten, am Grab eines bekannten Rechtsanwalts zu spielen." Von ihm wusste man, dass er den Blues so geliebt hatte, dass er die verpönte "Negermusik" in den 30er Jahren sogar heimlich auf seinem Volksempfänger hörte. Sein Lieblingslied war die St. Louis Blues. Ich dachte gleichzeitig an einen Blues, den ich am Grab meines Bruders gespielt hatte. Also suchte ich mir die Trompete aus, auf der St. Louis Blues original klingt und spielte erst einmal zur Beisetzungsfeier mit all ihren Grabreden. Aber der eigentliche Höhepunkt war dann der Zug der Trauernden durch den Friedhof. Es regnete in Strömen, jemand hielt mir einen großen Regenschirm über den Kopf und ich spielte ganz langsam mein Bruders Lieblingslied, den "Mad About Him, Sad Without Him, How Can I Be Glad Without Him-Blues" auf einem vergoldeten Flügelhorn. Das waren wunderbare, bewegende Momente. Aber SPASS haben auch die nicht gemacht."

Die zweite Story vom Anfang und Ende seines Jobs bei den Weltberühmte Bamberger Symphonikern dauert etwas länger. Alles begann, als er beim Sinfonie Orchester des Hessischen Rundfunks für eine Prokofjew- und Strawinskiaufnahme aushalf. "Bei einer Privatprobe im Haus des spanischen Konzertmeisters Diego Pagin brachen wir ab und gingen zu einem Konzert der Bamberger in Bad Homburg. Wir kamen kurz nach der Stellprobe und alle waren weg. Diego meinte, wir könnten trotzdem den Soloposaunisten aus Uruquay, Enrique Crespo, beim Kaffeetrinken finden. Er sei nämlich zuckerkaffeesüchtig. Und tatsächlich fanden wir ihn gleich nebenan mit einer Kaffeetasse in der Hand. Crespo erzählte, die Bamberger hätten für die 1. Solotrompetenstelle schon sieben Probespiele gehabt, aber sie sei seit eineinhalb Jahren vakant. Ich solle mich doch bewerben. Weil man mir aber keine Repertoireliste fürs Vorspiel geben wollte, schrieb ich die Sache innerlich ab, schließlich hatte ich ja eine gute Stelle in Düsseldorf. Dort hatten wir eine Salome-Premiere mit Hildegard Behrens von der Deutschen Oper Berlin. Die Premierenparty ging bis spät in die Nacht, und ich hatte ganz vergessen, dass ich am nächsten Vormittag zu einem Vorspiel in Bamberg per Telegramm eingeladen war. Morgens um acht weckte mich meine damallige Freundin, die englische Balletttänzerin Isabel Tailor, und drängte: "Du musst nach Bamberg." Ziemlich übernächtigt und mit Restalkohol im Blut schnappte ich meine Trompete und hastete zum Bahnhof. Der Zug, in den ich stieg, war der richtige, doch als ich fragte: "Ist das der Zug nach Bamberg" wurde ich missverstanden. Mein deutsches "Bamberg" klang wohl wie "Hamburg" und ich stieg Hals über Kopf wieder aus, als der Zug schon losfuhr. Der nächste Zug - ein sehr langsam Bummelzug - ging erst eine Stunde später. Kurz und gut, ich kam in letzter Sekunde nach Bamberg und stellte fest: Ich habe die schriftliche Einladung vergessen.! Ich hatte keine Ahnung, wo das Vorspiel stattfinden sollte. Zum Glück entdeckte ich jemand mit einem Trompetenkoffer auf dem Bahnsteig. Er war Solotrompeter im Orchester der Bonner Beethovenhalle und wollte ebenfalls zum Vorspiel. Ich schloss mich ihm an und fand so den Vorspielraum. Das Vorspiel lief für mein Gefühl gar nicht gut. Der Intendant Josef Fischer und die Managerin, Hella Rapoldi, verhielten sich absolut empörend. Während ich spielte, saßen sie in der ersten Reihe und unterhielten sich lautstark über mich, so dass ich mich kaum konzentrieren konnte. Ich hatte absolut die Nase voll und wollte ich gar nicht mehr auf das Ergebnis warten. Ich hatte mich vor lauter Ärger verspielt und dachte, damit sei das sowieso gelaufen. Ich wollte eben mit dem Bonner Kollegen beim berühmten Schlenkerla auf ein Rauchbier gehen, als die Managerin mit ausgestrecktem Zeigefinger auf mich zukam und sagte: "Now you've won the Probespiel, you've got to sign the contract. This is German law." Zum Glück Crespo lief schützend auf mich zu, umarmte mich und meinte: "Phantastic, I"m so glad that you are with us." Also gut, ich blieb und unterzeichnete am nächsten Tag den Vertrag als Solotrompeter der Bamberger Symphoniker.?

Das erste Werk im ersten Konzert, das Richard mit den Bambergern spielte, war die Solo-introduktion in der Fünften Symphonie von Gustav Mahler. "Das war ein Solostück vor 3 000 Menschen bei den Athener Festspielen im Herodius Atticus Amphitheater am Fuß der Akropolis. Das war intensiv, glaub mir! Auf den meisten Instrumenten kannst du Fehler verstecken bzw. überspielen. Auf der Trompete geht das nicht. Wenn auf der Trompete etwas daneben geht, dann weiß jeder Schweinebauer am Pfaffenhofener Ferkelmarkt, dass da was nicht stimmt." Die Stelle, die den meisten anderen Trompetern als Lebensstelle genügt hätte, hielt aber nur vier Jahre. Auslöser für Richards Trennung von den Bambergern war eine Eigenschaft, die er so beschreibt: "Ich bin manchmal unerträglich ehrlich." Es kam zu einer Auseinandersetzung zwischen dem sehr unfairen Chefdirigenten und einem Posaunisten, den er schon öfters öffentlich fertig gemacht hatte. Als ich das nicht mehr ertragen konnte und mich für den Kollegen einsetzte, übertrug sich der Zorn des Dirigenten auf mich. Aber da stand ich natürlich allein, die anderen Kollegen fielen mir sogar noch in den Rücken und verhielten sich total feig. Aber ich hasse Feigheit, als Trompeter darf man nicht feig sein. Ich sagte: "Ihr rückgratlosen Schafe. Ihr habt keinen Stolz und keine Berufsehre. Ich gehe, sobald ich eine andere Stelle finde."

Musik - ein sicherer Hafen im Sturm des Lebens

Bald danach und völlig unverhofft erhielt Richard Carson Steuart einen Anruf vom Hermann Zilcher Konservatorium in Würzburg. "Martin Maria Krüger, heute Präsident des Deutschen Musikrates und Direktor des Richard Strauss-Konservatoriums in München, bot an, mir dort eine eigene Stelle zu schaffen. Das genügte mir, um bei den Bambergern zu kündigen. Ich hatte nicht mein Land, meine Sprache, ja sogar teilweise meinen Mentalität aufgegeben, um mich mit einer solchen kleinkarierten Einstellungen abfinden zu müssen." Die nächsten zwei Monate waren eine Hängepartie: dort gekündigt, hier noch keinen Vertrag. Doch der kam wie zugesagt und plötzlich war der Solist, der als kleiner Trompeter in der kanadischen Heilsarmee begonnen hatte, Trompeten- und Kammermusikdozent mit fester Anstellung an einem angesehenen deutschen Musikinstitut. Weil dort für Dozenten ein Hochschulabschluss erforderlich war, erteilte ihm das bayerische Kultusministerium in Anerkennung seiner künstlerischen Laufbahn eine außerordentliche Hochschul-Lehrbewilligung. Von 1983 bis 2001 hatte er stets eine volle Trompetenklasse und in dieser Zeit eine Bigband in der heutigen Jazzabteilung gegründet, dazu ein Kammerorchester (Die jungen deutschen Kammersolisten) sowie ein großes Blechbläserensemble, das sich zum "Fürstbischöflichen Bläserkonsortium zu Würzburg" entwickelte. Mit diesen Ensembles absolvierte er 18 Jahre lang zahlreiche Rundfunkaufnahmen sowie Konzerttourneen im In- und Ausland.

Heute unterrichten die Studenten von damals als Lehrer und Dozenten in ganz Deutschland und/oder sind Kammermusiker und Solisten zum Beispiel im Bayreuther Wagner Festspielorchester, Saarländischen Rundfunkorchester, beim WDR in Köln oder in Landesorchestern. Drei seiner Schülerinnen waren bzw. sind Mitglied des All-Frauen-Unterhaltungsensembles "Die Bayerische 7", das im Funk- und Fernsehen regelmäßig auftritt. Stolz erinnert er sich an seinen letzten Studenten Jürgen Weyer, bevor das Konservatorium in die Musikhochschule integriert wurde: "Bei seinem Abschlussvorspiel als staatlich geprüfter Diplom-Musiklehrer spielte er auf sieben verschiedenen Trompeten Musik aus vier Jahrhunderten und bekam eine 1,0 von der Hochschulprüfungskommission. Jürgen ist seit 2002 Mitglied meines Ensembles Munich Brass und agiert zunehmend mehr als mein Duopartner in Konzerten mit Orgel und Kammerorchester sowie als Teil meiner Bachtrompetengruppe, auf modernen und historischen Trompeten".

Musik, so viel ist nachts um zwölf Uhr klar, war für Richard immer "ein sicherer Hafen im Sturm", wie er es formuliert. Sie war und ist ihm eine Inspirationsquelle für Seele und Geist, aber zugleich auch etwas, was ihn am Boden und bei Vernunft hielt und ihm die Richtung weist. "Musik lehrte mich Disziplin und Respekt vor der Kunst, dem Leben und den eigenen Fähigkeiten. Vor allem aber habe ich Demut angesichts der viel größeren Leistungen anderer gelernt. Als Lehrer und Musiker hoffe ich, in anderen wenigstens einen kleinen Funken schlagen zu können, damit sie nach etwas Größerem in ihrem Leben streben. Ich kann nichts schaffen, sondern nur auf etwas hindeuten, was in jedem von uns bereits angelegt ist."

Richard Carson Steuarts aktuelle künstlerische Tätigkeiten (u.a) als Gründer, Leiter und Solist folgender musikalischer Einrichtungen "European Barockensemble", "Deutsche Kammersolisten", "Fürstbischöfliches Bläserkonsortium zu Würzburg", "Spanish Blue" und nicht zuletzt "Munich Brass" sind bemerkenswert. Dies und seine Rolle als Instrumentenhersteller sowie als CD-Produzent - beide unter dem Label La Tromba® - sind aber Gegenstand eines weiteren Interviews.

Bobby Langer (2008)

REPORTAGE ÜBER RHAPSODY IN BRASS 2003

"Ein Kanadier in Europa", so hätte das Motto für die Konzert- und Vortragsreihe lauten können. War aber nicht so, sondern "Rhapsodie in Brass? war der der gewählte Titel der Veranstaltungsreihe, die vom 21.Juli bis zum 1.August 2003 in Würzburg stattfand. Bereits zum dritten mal hatte dazu der International gefeierter Trompetenvirtuos Richard Carson Steuart Dozenten aus ganz Europa, Russland und den USA eingeladen .Allerdings wurden diesmal sowohl die "European Brass Academy" als auch die "European Trumpet Guild? zum ersten Mal miteinbezogen . Steuart hatte bereits seit 1983 derartige Events auf die Beine. Das erste, das er organisiert hatte, als er noch Solotrompeter der Bamberger Symphoniker war, hieß "Bamberger Barocksommerfest" und beinhaltete Chor- Orchester- und Kammermusikkonzerten an verschiedenen Orten in der mittelfränkischen Barockstadt.  

"Rhapsody in Brass" gibt es erst seit drei Jahren und ist unabhängig von der European Brass Academy und der European Trumpet Guild. In den nächsten Jahren wird sich diese Veranstaltung in Würzburg und der mainfränkischen Umgebung noch weiterentwickeln.

Das Programm war auch in diesem Jahr sehr reichhaltig.. Das große Spektrum der Veranstaltung ist auch an den Leuten zu erkennen, die gekommen waren. Sie reisten aus der Ukraine, aus Russland, aus Amerika, aus Frankreich, aus Deutschland, aus der Schweiz und aus Österreich an. Zahlreiche Vorträge wurden gehalten um neben der musikalischen auch die wissenschaftliche Seite des Blechbläserspiels darzustellen. Vorträge von Dr. med. Karl-Otto Steinmetz (Pneumologe) "Asthma und die Auswirkungen auf das Blechblasinstrumentenspiel", von Dr.Dr. Edward H. Tarr "Die romantische Trompete und ihre originale Trompetenmusik", von Volker Och (Diplom Orthopäde und Chiropraktiker) "Pathosphysiologie der Atmung?, von dem dt. Musikwissenschaftler und Komponisten Helmut M. Timpelan: "Modus Tromba und das Hexachord", von Valery Posvaliuk "Ukrainische Trompeten Traditionen und Künstler", von Prof. Allan Cox "Arrangierte Werke verschiedenen Ursprungs für Trompete und Orgel" und von Valery Strukov "Moderne, Russische Kompositionsströmungen des 20. Jahrhunderts für Blechbläser" standen auf dem Programm. Des weiteren fand auch ein Meisterkurs mit Jean ? Francois Madeuf statt, der sich mit "der historischen Aufführungspraxis auf Barocktrompeten ohne Temperierungslöcher" befasste. Madeuf ist der neue Prof. für Barocktrompete in Basel und somit der Nachfolger von Dr.Dr. Edward H. Tarr.

Das Auftaktkonzert am 25. Juli fand in der Festaula der Julius-Maximilian-Universität Würzburg mit Munich Brass statt. Das umfangreiche Programm dieses spitzen Blechbläser Quintetts spannte den Bogen von Barock bis hin zur Klassische Moderne und Jazz.

Im "Gala ? Konzert" am 26. Juli, wurde als Höhepunkt das Werk "Phoenix" für Blechbläserensemble, zwei Schlagzeuge, Jazz ? Flügelhorn und Alt - Saxophon von dem Richard Carson Steuart und kanadischen Komponisten und Saxophonisten Normand DesChenes uraufgeführt. Dieses Werk wurde von der Kanadischen Botschaft in Berlin unterstützt. Ebenso konzertierte die amerikan. Trompeter Prof. Allan Cox und Amerikanisher und wahl- Deutscher Musiikerhistoriker und Barocktrompetenvirtuos Dr. Dr. Edward H.Tarr .mit sowie das "Fürstbischöfliche Trompetenconsortium und das Fürstbischöfliche Bläserconsortium zu Würzburg", der dt. Pianist Rudolf Ramming und der russ. Barockgeiger Vladimir Shuljakovsky, Leiter des St. Petersburger Barockensemble.

Dazu fand im Rahmen von "Rhapsody in Brass" Auftritte außerhalb von Würzburg statt. Zu nennen sind Konzerte bei den Ansbacher Bachtagen 2003 mit das "Fürstbischöfliche Trompetenconsortium und das Fürstbischöfliche Bläserconsortium zu Würzburg" sowohl das Auftaktkonzert und als auch das Abschluss-Konzert anlässlich der Jubiläumswoche des 20-jährigen Bestehens des Knauf-Museum Iphofen am 21. und 27.Juli 2003 (mit das "Spanish-Blue" Quintett und das Munich Brass Ensemble.

Die European Trumpet Guild (ETG) hielt während der Zeit von "Rhapsody in Brass" auch ihre Konferenz in Würzburg ab. Dabei wurde Richard Carson Steuart ( Kanada / Würzburg ) zum Präsidenten und Valery Posvaliuk ( Kiew / Ukraine) zum Vizepräsidenten der ETG gewählt. Die European Trumpet Guild besteht seit 1990 und ist eine Tochter der International Trumpet Guild. Sie ist ein gemeinnütziger Verein, der die Musik fördert. Sein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf der Trompete.

Herr Steuart findet diese Trompeterzunft eine "zukunftsweisende und pädagogisch wichtige Einrichtung um einen künstlerischen und kulturellen Austausch auf europäischen Ebene in Bezug auf die Trompetenkunst zu ermöglichen.". Zur Zeit befindet sich die ETG allerdings, laut Steuart, in Schwierigkeiten, da "die letzten Jahre nicht ordentlich gewirtschaftet wurde und Verantwortungen nicht wahrgenommen wurden". Nun gilt es aufzuräumen und diesen Verein wieder auf Vordermann zu bringen. Ein sicherlich nicht ganz einfaches Unterfangen für den ehrgeizigen Kanadier.
Steuart berichtet, dass er viel mehr Dynamik in diese Gesellschaft bringen wolle und dass er sowohl verlorene und enttäuschte Mitglieder wiedergewinnen, als auch neue Mitglieder an Land ziehen möchte, darunter insbesondere auch Schüler, Studenten und Hobbymusiker. Haupt aufgabe der ETG sieht Herr Steuart in erster Linie in der Nachwuchsförderung. Außerdem, so Steuart weiter, sei es "absolut notwendig eine große Bandbreite abzudecken um Lebendigkeit in die ETG einzubringen. Die ETG solle auf jeden Fall kein exklusiver sondern ein inklusiver Verein sein". Von Barock über Klassik, bis hin zu zeitgenössischer Musik und Jazz, soll das Angebot reichen. Mit eingeschlossen sind da neue Kompositionen, die von der ETG in Auftrag gegeben worden sind. In den letzen drei Jahren seiner Mitgliedschaft hat Herr Steuart persönlich bereits mehrere Werke für Trompetenensemble und gemischtes Blechbläserensemble in Auftrag gegeben und bei vergangenen Konferenzen der ETG mit uraufgeführt.
Steuart erwartet "daß die Leute sich selbst was in die European Trumpet Guild einbringen soll und greift hier auf eines der bekanntesten Zitate von dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy zurück: "Ask not what the ETG can do for you, ask what you can do for the ETG", und mit einem verschmitzen Lächeln, um Skeptikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, warum ausgerechnet ein Kanadier der neue Präsident der European Trumpet Guild sein soll, fügt er hinzu, wieder unter Berufung auf eines der berühmtesten Zitate von J.F. Kennedy, dass er nach 25 Jahren ununterbrochener professioneller Konzert- und pädagogischer Tätigkeit in Europa mit Überzeugung sagen könne: "Ich BIN ein Europäer!"

Des weiteren war auch die European Brass Academy bei der Veranstaltungsreihe "Rhapsody in Brass" beteiligt. Sie ist vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst unterstützt. Gegründet wurde die European Brass Academy im Jahr 1990 von Richard Carson Steuart. Sie dient ebenfalls der Nachwuchsförderung und im Rahmen dieser Academy sollen Konzerte durchgeführt und Unterrichtsmöglichkeiten mit Dozenten aus Europa und Übersee geboten werden. Die Bandbreite der European Brass Academy reicht von Renaissance bis hin zu Jazz und der klassischen Avantgarde. Neben gymnasialen Schülern und Hochschulstudenten sind da alle vom Hobbymusiker bis hin zum Profi von der Brass Academy angesprochen.

Entwickelt hat sich das heraus der seit 20 Jahren Lehrtätigkeit von Richard Carson Steuart in Würzburg. Er verließ seine stelle als Solotrompeter der Bamberger Symphoniker als in 1983 eine Stelle extra für ihn errichtet wurde, die ein breites Spektrum an Kammermusik von Barock bis Moderne inklusive der Gründung einer Jazzabteilung bzw. einer Big band ermöglichte. Seit der Fusion des Konservatoriums mit der staatlichen Hochschule für Musik Würzburg in 2001 ist Herr Steuart nun als "hauptamtlicher Dozent für besondere Aufgaben" beschäftigt mit Hauptfach Barock- Trompete, miteingegliedert in die historische Musikabteilunng der Musikhochschule.

Die nächste "European Brass Academy" stet schon fest und wird am Anfang Januar 2004 mit Posaune als Schwerpunkt stattfinden. Prof. Jiggs Whigham von der Hanns Eisler Hochschule in Berlin, ein international gefeierter Posaunensolist und hervorragender Jazzpädagoge, und Viktor Soumerkin, ehemaliger Soloposaunist der Leningrader Philharmonie, Prof. für Posaune und Leiter der Blechblasabteilung des Rimski Korsakow ? Konservatorium in St. Petersburg, kommen nach Würzburg. Viktor Soumerkin gilt als der "russische Posaunenpapst" und ist von der ehemaligen UdSSR als "honoured artist of Russia" ausgezeichnet. Jiggs Whigham ist in Berlin für den Lehrstuhl Jazz und Popmusik zuständig und außerdem vor allem als Leiter der BBC London? und der RIAS Berlin Bigbands bekannt.
Das Auftaktkonzert der Academy findet am 9. Januar 2004 in der Aula des ehemaligen Mozartgymnasiums in Würzburg statt. Neben Workshops und Meisterklassen mit Prof. Jiggs Whigham und mit Prof. Viktor Soumerkin, sind Konzerte geplant; darunter Konzerte mit der Big Band der Jazz Initiative Würzburg und der "Combined European High School Big Band", eine Big Band, die sich aus Schülern von über 40 Gymnasien aus ganz Europa zusammensetzt und von dem amerikanischen "DoDs" (Department of Defense) gefördert ist. Ein großer Teil dieser Konzerte wird vom Bayerischen Rundfunk Nürnberg mitgeschnitten.

Die angebotenen Veranstaltungen des "Rhapsody in Brass- 2003" stießen auf reges Interesse. Abgeschlossen wurde diese Konzert- und Vortragsreihe mit einem Konzert am 1. August im Toscanasaal der Fürstbischöflichen Residenz zu Würzburg, mit dem beliebten "Spanish Blue Duo" (Christian Reichert ? Gitarre, Richard Carson Steuart ? Trompete). Im zweiten Teil des Konzertes stießen dann das "Andreas Kissenbeck Jazz-Trio", bestehend aus Andreas Kissenbeck ? Klavier, Felix Wiegand ? Bass und Paul Höchstädter ? Schlagzeug, hinzu. Es erklangen unter anderem Werke von Astor Piazolla, Rafael Méndez, Maurice Ravel, Miles Davis, Chick Corea, Richard C. Steuart und Ron Carter. Das Besondere bei diesem Konzert ist, das es mit klassischer und impressionistischer Musik anfängt und dann nahtlos in Jazz übergeht. Das Publikum war wieder mal hingerissen und begeistert, und freut sich schon auf das nächste Mal, wenn Richard Carson Steuart, als "Kanadier in Europa", zu eine neues "Rhapsody in Brass" einlädt.

Veronika Kaeppel ( Aug. 2003)